„Indianer kennen keinen Schmerz“



    „Kopf hoch! Das wird schon. Denk positiv“, sagten sie. Und ich hätte schreien können. Aber ich blieb stumm. Was hätte ich auch sagen sollen? Sie meinten es ja gut. Aber meinten sie es auch gut mit mir? Es war die Zeit, in der wir erfahren hatten, dass das Baby in meinem Bauch schwer krank zur Welt kommen würde. Und ich konnte vor Sorge kaum atmen. „Mach Dir nicht so viele Sorgen. Das schadet dem Kind“, sagten sie. Und sofort fühlte ich mich noch schlechter. Zu meinem Leid gesellte sich die Sorge, dass ich mein Leid nicht zeigen dürfte. Nicht mal fühlen dürfte. Ich fühlte mich unverstanden. Ungesehen. Und ich beschloss, nicht mehr so viel über „die Sache“ zu reden.


    Bei meiner Tätigkeit als Seelsorgerin habe ich viele Menschen kennengelernt, denen es ähnlich geht. Die gelernt haben, ihre Sorgen für sich zu behalten und zu lächeln. Weil das Umfeld ihre Sorgen nicht (v)erträgt. Sich ihnen nicht aussetzen will. Weil es oft schwer ist, die Gefühle anderer nachzuvollziehen. Wie lange darf ein 65-Jähriger über den Tod seines 90-jährigen Vaters trauern? Er war doch alt und sein Ende absehbar. Wie viele Jahre darf eine Mutter über den Tod ihres ungeborenen Säuglings weinen? Eines Kindes, das sie doch eh nie kennengelernt hat? Sollte sich der Witwer nicht zusammenreißen, wenn ihm beim Gedanken an seine tote Frau auch nach Jahren noch die Tränen in die Augen schießen?


    „Reiß dich zusammen! Indianer kennen keinen Schmerz!“ Das hören wir schon als Kinder. Oder wie es der Schriftsteller Franz Grillparzer ausdrückte: „Das sind die Starken, die unter Tränen lachen, eigene Sorgen verbergen und andere glücklich machen.“ Es gibt viele von diesen Weisheiten. Und sie werden dem Einzelnen nie gerecht. Allenfalls dem Umfeld, das sich weiter in Sicherheit wiegen darf, bis das Schicksal auch dort zuschlägt.


    Statt „gut gemeinter“ Pauschalweisheiten, wäre echtes Mitgefühl hilfreich. Worte wie: „Das tut mir unendlich leid.“ Oder: „Ich habe keine Ahnung, wie du dich fühlst. Erzähl mir davon.“ Oder: „Ich halte es aus, wenn du weinst.“ Offenheit, Einfühlungsvermögen und die Kraft, einen Zustand aushalten zu können, das ist es, was Betroffene von ihrer Umgebung brauchen. Und das gilt nicht nur für Krankheiten oder Schicksalsschläge. Das gilt genauso für Überforderung in der Familie oder am Arbeitsplatz, für Geldsorgen, Ehe- oder Sinnkrisen.


    All das ist Realität. Und es kann für jeden von uns zur Realität werden. Nichts davon werden wir mit klugen Ratschlägen wegwischen können. Stattdessen sollten wir diesen Gefühlen den Raum geben, den sie verdienen. Das Alte Testament wusste das. Dort heißt es: „Alles hat seine Zeit. Weinen hat seine Zeit und Lachen hat seine Zeit. Alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde...“