Was ist schon "normal"

Beim Betreten der Kirche Hände desinfizieren, statt zu schütteln. Mit Mundschutz singen. Kein Abendmahl. Kein Friedensgruß. Ab heute sind Gottesdienste wieder erlaubt – normal werden sie noch lange nicht sein. Aber was ist schon „normal“? Gerade wir Protestanten mussten in der Geschichte immer wieder lernen, dass „normal“ kein selbstverständliches Gut ist.

Wer weiß, wie das religiöse Leben in Österreich heute aussehen würde, wäre der Protestantismus hierzulande am Ende des 16. Jahrhunderts nicht verboten und verfolgt worden? Zwei Drittel der österreichischen Bevölkerung sympathisierten damals mit der Reformation. Aber in einer Zeit, in der der der katholische Kaiser bestimmte, welcher Religion das Volk angehört, konnte nicht sein, was nicht sein durfte. So wurden Evangelische vor die Wahl gestellt, ihrem Glauben abzuschwören oder ihr Zuhause, ihr Hab und Gut zu verlassen. Viele gingen. Und viele lebten ihren Glauben im Geheimen weiter. Nach außen hin gaben sie sich katholisch, um sich nachts zu heimlichen gottesdienstlichen Versammlungen zu treffen, zu singen, zu beten und in der Bibel zu lesen. So konnte das evangelische Glaubensgut über viele Jahrzehnte hinweg bewahrt bleiben.

Erst 1781wurden die Evangelischen mit dem Toleranzpatent von Kaiser Joseph II. anerkannt. Von „Normalität“ konnte aber auch da keine Rede sein. Evangelische Gotteshäuser durften nicht als solche erkennbar sein, weder Turm noch Glocken noch einen Eingang von der Straße aus haben. Es sollte weitere 80 Jahre dauern bis die Evangelische Kirche der Römisch-Katholischen gleichgestellt wurde und man von „normalem“ Glaubensleben sprechen konnte. Dass es einmal „normal“ sein würde, dass Frauen von der Kanzel predigen, hätte sich damals wohl auch niemand vorstellen können. Erst seit 1965 dürfen Frauen Pfarrerinnen werden und erst vor 40 Jahren wurden sie den Männern im Pfarramt gleichgestellt.

Normalitäten ändern sich – zum Glück! Und ich bin gespannt, wie die Corona-Zeit das neue Normal in den Kirchen prägen wird. Schön wäre es, wenn all die nun in vielen Gemeinden aus der Not geborenen, frischen und kreativen Online-Initiativen dazu gehören würden!